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Eine für alles – Polypille senkt Risiko für erneuten Herzinfarkt besser als einzelne Medikamente


Bild: ljubaphoto/iStock


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Wer eine Pille einnimmt, die sowohl den Blutverdünner ASS enthält als auch Substanzen, die die Konzentration der Blutfette und den Blutdruck senken, beugt nach einem Herzinfarkt wirksamer erneuten Herz-Kreislauf-Ereignissen vor als mit drei einzelnen Tabletten. Dies ist das Ergebnis der europaweiten SECURE Studie, die jetzt auf dem Europäischen Kardiologenkongress 2022 in Barcelona vorgestellt und zeitgleich im Medizinjournal „New England Journal of Medicine“ publiziert wurde. Die Leitung des deutschen Studienarms lag bei DZHK Wissenschaftler Wolfram Döhner von der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

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Nach einem Herzinfarkt erhalten Patienten mehrere Medikamente, um nachfolgenden Herz-Kreislauf-Ereignissen vorzubeugen. Dazu gehören unter anderem Blutverdünner, die das Verklumpen von Blutplättchen hemmen, Blutfett- oder Blutdrucksenker. Jedoch nimmt über die Hälfte der Betroffenen diese Medikamente nicht dauerhaft und regelmäßig ein. Die SECURE-Studie hat daher untersucht, ob eine Polypille, die die drei wichtigsten Wirkstoffe vereint, die Einnahmetreue verbessern und damit erneuten kardiovaskulären Ereignissen besser vorbeugen kann.

An der Studie nahmen Patienten teil, die innerhalb von sechs Monaten zuvor einen Herzinfarkt erlitten hatten. 2.499 Infarktpatienten wurden nach dem Zufallsprinzip der Polypillen-Gruppe oder der üblichen Behandlung mit drei einzelnen Tabletten zugeteilt. Die Polypille enthielt Acetylsalicylsäure zur Blutverdünnung, den ACE-Hemmer Ramipril und Atorvastatin zur Senkung des Cholesterins im Blut. Die übliche Behandlung lag im Ermessen des behandelnden Arztes. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer betrug 76 Jahre, ein Drittel waren Frauen.

Weniger tödliche Herz-Kreislauf-Ereignisse

Nach drei Jahren hatten signifikant weniger Teilnehmer aus der Polypillen-Gruppe erneute gefährliche oder tödliche Herz-Kreislauf-Ereignisse wie Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten. So waren in der Gruppe mit Polypille 48 Patienten auf Grund von Herz-Kreislauf-Ereignissen verstorben, in der Kontrollgruppe waren es 71.

Aus Sicht des Studienteams könnte die Polypille ein fester Bestandteil der Strategien zur Verhinderung kardiovaskulärer Ereignisse bei Patienten nach einem Infarkt werden.

Studienleiter Prof. Valentín Fuster, Generaldirector des Centro Nacional de Investigaciones Cardiovasculares Carlos III (CNIC) in Madrid, Spanien, sowie Director of the Cardiovascular Institute and Physician-in-Chief im Mount Sinai Medical Center, New York, erklärt: "Die meisten Patienten sind nach einem akuten Ereignis wie einem Herzinfarkt zunächst vollständig therapietreu, aber das lässt nach den ersten sechs Monaten nach. Wir haben deshalb allen Studienteilnehmern von Anfang an die Polypille verabreicht, zu einem Zeitpunkt, in dem sie noch zuverlässig den Empfehlungen ihres Arztes folgten.“

Professor Wolfram Döhner vom Berlin Institute of Health in der Charité (BIH), nationaler Studienleiter der SECURE Studie für Deutschland, ist von den Ergebnisse überzeugt: „Die vereinfachte Therapie mit weniger Tabletten verbessert die Behandlung der Patientinnen und Patienten deutlich: Damit haben wir eine Win-Win-Win-Win Situation für Patienten, Ärzte und das Gesundheitssystem: Die Polypille wirkt besser, ist leichter einzunehmen und senkt die Folgekosten für erneute Herz-Kreislaufereignisse.“

Die SECURE Studie ist eine europaweite Studie, an der insgesamt sieben Länder beteiligt sind, darunter Deutschland unter Leitung der Charité-Universitätsmedizin Berlin, gefördert durch die Europäische Union.

Publikation:
Polypill Strategy in Secondary Cardiovascular Prevention. NEJM, August 26, 2022 DOI: 10.1056/NEJMoa2208275