Mit der RNA-Schere gegen Pandemien
Zwei Jobs, vier Kinder und ein Start-up
Forschung, Lehre, eine Professur in der Kardiologie an der Universität Göttingen, vier Kinder und ein Hund – Elisabeth Zeisberg bewältigt diese Herausforderungen mit Energie. 2023 fügte sie eine neue Aufgabe hinzu: die Gründung des Start-ups Avocet Biosciences, gemeinsam mit vier Partnern, die unterschiedliche Expertisen einbringen. Avocet ist ein Vogel aus der Familie der Säbelschnäbler. Der Namensvorschlag stammt von einem Mitgründer, einem Hobby-Ornithologen, und steht zugleich für „Anti Virals of the Century“.
Elisabeth Zeisberg erkannte das Potenzial der RNA-Schere CRISPR/Cas13, mit der sie bis dahin ausschließlich die genetischen Mechanismen der Herzfibrose erforschte hatte. Als RNA-Virus war das Coronavirus ein ideales Ziel für diese Technologie.
Die genetische Information des Coronavirus ist in einem RNA-Kettemolekül (RNA steht für Ribonukleinsäure) gespeichert. Das ist ein wesentlicher Unterschied zum Menschen und den meisten anderen Lebewesen, die doppelsträngige DNA (Desoxyribonukleinsäure) als genetischen Code verwenden. RNA dient beim Menschen „nur“ als Blaupause zum Ablesen genetischer Information.
Das Werkzeug: perfektioniert durch die Evolution
Elisabeth Zeisberg war schnell klar, dass weltweit nach Strategien zur Bekämpfung des Coronavirus gesucht wurde – und sie verfügte über ein ideales Werkzeug, die RNA-Schere CRISPR/Cas13. Diese molekulare Schere wurde speziell dafür entwickelt, Virus-RNA zu zerstören, und bot eine vielversprechende Lösung. Doch der Mensch ist nicht der Urheber dieser genialen Erfindung. „CRISPR/Cas13 ist ein Enzym, das Bakterien nutzen, um angreifende RNA-Viren auszuschalten“, erklärt Zeisberg. „Wir haben dieses Enzym adaptiert und daraus eine Technologie entwickelt. Die Hauptarbeit hat jedoch die natürliche Evolution geleistet, die ein perfektes Werkzeug zur Zerstörung von RNA-Viren geschaffen hat.“
Die Wissenschaftler von Avocet haben diese Fähigkeit verfeinert. Mithilfe von Guide-RNAs können sie die RNA-Schere auf bestimmte Buchstabenfolgen der Virus-RNA lenken und präzise Schnitte setzen.
„Wir müssen mit unserer Technologie in menschliche Zellen der Atemwege gelangen, in denen sich das Virus eingenistet hat.“
Blick in die Zukunft
Langfristig plant Avocet, eine Plattform zu entwickeln, die nicht nur bei COVID-19, sondern auch bei anderen RNA-Virus-Erkrankungen wie Ebola, Tollwut oder Influenza eingesetzt werden kann. „Unser Ziel ist, eine Technologieplattform zu etablieren, die auch bei anderen Viruskrankheiten als COVID-19 angewendet werden kann. Denn die nächste Pandemie kommt bestimmt, und da wollen wir gewappnet sein. Nachdem die neue Plattform erst einmal steht, können wir sehr schnell auf neue Viren reagieren.“ erläutert Zeisberg.
Tatkraft in den Genen
Obwohl sie eine Professur, eine Familie und ein Start-up gleichzeitig managt, ist Elisabeth Zeisberg kaum aus der Ruhe zu bringen. „Ich habe es gerne wuselig. Am besten kann ich mich zu Hause entspannen, wenn ich die ganze Familie um mich habe“, sagt die 53-Jährige. Tatkraft und Engagement liegen ihr offenbar in den Genen, ebenso wie ihr Unternehmergeist. Dieser zeigte sich schon im Medizinstudium, als sie mit dem Import von therapeutischen Handpuppen aus den USA ihr Studium finanzierte.
Herausforderungen meistern
Der nächste Meilenstein für Avocet ist der Nachweis der Sicherheit. „Stichwort: off-target-Effekte. Wir müssen zeigen, dass wir gezielt nur die Virus-RNA treffen und keine unerwünschten Effekte auslösen“, betont Zeisberg. „Obwohl wir nicht das menschliche Erbgut angreifen, müssen umfangreiche Studien die Sicherheit und Wirksamkeit unserer Therapie nachweisen.“
Es ist noch ein weiter Weg, aber Elisabeth Zeisberg und ihr Team sind überzeugt: Ihre Technologie könnte ein Schlüssel im Kampf gegen zukünftige Pandemien und bekannte Infektionskrankheiten sein.