Die weltweit führenden kardiologischen Fachgesellschaften – die European Society of Cardiology (ESC), das American College of Cardiology (ACC), die American Heart Association (AHA) und die World Heart Federation (WHF) – haben erstmals eine gemeinsame Grundsatzerklärung veröffentlicht. Darin fordern sie ein entschlossenes politisches Handeln gegen Umweltstressoren als zentrale Ursache von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Das Statement macht deutlich: Luftverschmutzung, Verkehrs-, Flug- und Industrielärm, künstliches Licht, chemische Schadstoffe, Plastik sowie klimabedingte Extremereignisse stellen eine erhebliche und bislang unterschätzte Gefahr für die Herzgesundheit dar. Aktuellen Schätzungen zufolge sind weltweit 4 bis 6 Millionen der rund 20,5 Millionen kardiovaskulären Todesfälle pro Jahr auf Umweltbelastungen zurückzuführen. Damit ist etwa jeder fünfte Herz-Kreislauf-Todesfall umweltbedingt.
„Stille Beschleuniger“ kardiovaskulärer Erkrankungen
„Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind weiterhin die häufigste Todesursache weltweit, und Umweltstressoren wirken dabei als stille Beschleuniger“, erklärt Professor Thomas Münzel, Erstautor des Statements und Kardiologe an der Universitätsmedizin Mainz. „Saubere Luft, leisere Städte und ein stabiles Klima sind keine reinen Umweltziele, sondern Voraussetzungen für eine wirksame Herzprävention.“
Auch Professor Thomas F. Lüscher, Präsident der ESC und Seniorautor des Dokuments, betont die Notwendigkeit eines Umdenkens: „Das Herz existiert nicht isoliert. Es schlägt in einem ökologischen Umfeld. Umweltbelastungen müssen in der kardiovaskulären Prävention denselben Stellenwert erhalten wie Rauchen, Bluthochdruck oder Diabetes.“
Ungleich verteilte Belastungen
Besonders betroffen sind sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen sowie Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen, die überproportional unter Umweltverschmutzung und Klimafolgen leiden. Die Autorinnen und Autoren fordern daher koordinierte politische Maßnahmen, um individuelle und gesellschaftliche Umweltbelastungen wirksam zu reduzieren.
„Die wissenschaftliche Evidenz zu den gesundheitlichen Folgen von Luftverschmutzung, Lärm und Hitze ist eindeutig“, sagt Dr. Christopher Kramer, Präsident des American College of Cardiology. „Jetzt ist der Zeitpunkt zu handeln, um die weltweite Krankheitslast durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen nachhaltig zu senken.“
Auch die World Heart Federation unterstreicht die Dringlichkeit. „Um Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verhindern, müssen wir ihre Ursachen bekämpfen“, erklärt Professor Amam Mbakwem, Vizepräsidentin der WHF. „Umweltbelastungen treffen besonders die Verwundbarsten. Deshalb ist sofortiges Handeln aller gesellschaftlichen Akteure notwendig.“
Sechs Handlungsfelder für Politik und Gesundheitssysteme
Das gemeinsame Statement benennt sechs zentrale Ansatzpunkte:
- stärkere politische Verankerung von Umweltfaktoren in der Herzprävention
- gezielte Investitionen in Forschung zu Umwelt und Herzgesundheit
- Aufklärung von medizinischem Fachpersonal und Öffentlichkeit
- gesundheitsorientierte Stadt- und Verkehrsplanung
- nachhaltigere Gesundheitssysteme
- klimaresiliente Versorgungsstrukturen
Die Erklärung schließt mit einem klaren Appell: Nur durch die Bekämpfung der Ursachen von Umweltstressoren lassen sich Herz-Kreislauf-Erkrankungen wirksam reduzieren und gesündere, gerechtere und nachhaltigere Gesellschaften schaffen.
Publikation:
Münzel T, Lüscher T, Kramer CM, et al. Environmental stressors and cardiovascular health: a statement of the European Society of Cardiology, the American College of Cardiology, the American Heart Association, and the World Heart Federation. Eur Heart J. 2025. https://www.ahajournals.org/doi/10.1161/CIRCULATIONAHA.125.079034