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Volkskrankheit Vorhofflimmern: Expertengruppe veröffentlicht Empfehlungen zum Screening nach einem Schlaganfall


Mittels EKG kann bei Patienten ein bestehendes Vorhofflimmern nachgewiesen werden. | ©AFNET


Immer mehr Menschen leiden an der Herzrhythmusstörung Vorhofflimmern. Die Betroffenen haben ein erhöhtes Schlaganfallrisiko und benötigen daher in der Regel eine gerinnungs-hemmende Therapie. Viele Patienten bleiben aber unbehandelt, weil die in Frühstadien oft asymptomatische Rhythmusstörung nicht diagnostiziert wird. Experten raten deshalb zu einer gezielten Suche (Screening) nach Vorhofflimmern bei Risikogruppen, wie Patienten nach einem ischämischen Schlaganfall. Ein internationales Expertengremium hat nun Empfehlungen für das Vorhofflimmer-Screening bei Schlaganfallpatienten veröffentlicht. Zu den Hauptautoren gehören Wissenschaftler aus dem Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET) und Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung e.V. (DZHK).

Vorhofflimmern ist die häufigste Herzrhythmusstörung, die insbesondere bei älteren Menschen auftritt. Im Herzvorhof können sich durch Vorhofflimmern Blutgerinnsel bilden. Gelangen diese Gerinnsel mit dem Blutstrom in das Gehirn, können sie durch einen Gefäßverschluss einen Schlaganfall verursachen.

Häufig wird Vorhofflimmern allerdings erst festgestellt, nachdem der Patient einen Schlaganfall erlitten hat. Die Rhythmusstörung macht sich nämlich nicht immer durch typische Symptome wie Herzrasen und Herzstolpern bemerkbar, sondern bleibt bei vielen Menschen zunächst unentdeckt, zumal Vorhofflimmern insbesondere in der Frühphase nur episodisch auftritt und nur dann sicher mit dem EKG nachgewiesen werden kann.

Anhand von Studien ist davon auszugehen, dass Vorhofflimmern das individuelle Schlaganfallrisiko im Mittel 4- bis 5-fach erhöht und verantwortlich ist für rund ein Viertel aller ischämischen Schlaganfälle. Das relative Risiko eines erstmaligen oder erneuten ischämischen Schlaganfalls lässt sich bei bekanntem Vorhofflimmern durch eine gerinnungshemmende Therapie, die so genannte orale Antikoagulation, um etwa zwei Drittel senken. Nach Vorhofflimmern kann man mittels EKG Monitoring gezielt suchen. Gemäß aktueller Leitlinien wird ein solches Monitoring bei Menschen empfohlen, die mindestens 65 Jahre alt sind oder einen akuten ischämischen Schlaganfall (Hirninfarkt) erlitten haben.

Ein auffallend erhöhtes Schlaganfallrisiko haben Patienten, die bereits einen ischämischen Schlaganfall oder eine sogenannte transitorische ischämische Attacke (TIA, vorübergehende Durchblutungsstörung des Gehirns) erlitten haben. Bei einem relevanten Anteil aller akuten Schlaganfallpatienten wird Vorhofflimmern im Zuge der Diagnose erstmals im EKG nachgewiesen. Experten gehen davon aus, dass ein nachgewiesenes Vorhofflimmern unabhängig von dessen Dauer ein erhöhtes Risiko für einen wiederkehrenden Schlaganfall birgt und gemäß den Empfehlungen der Leitlinien behandelt werden sollte.

Bereits seit 2015 arbeiten im AF-SCREEN Konsortium Wissenschaftler aus aller Welt zusammen, um die Prävention von Vorhofflimmer-bedingten Schlaganfällen zu verbessern. Nach einer im Jahr 2017 im Fachblatt Circulation erschienenen Publikation zum aktuellen Wissenstand des Schlaganfallrisikos bei Vorhofflimmern und zur Effektivität des EKG-Monitorings [2], haben 47 Vorhofflimmer-Experten aus 17 Ländern nun konkrete Empfehlungen zur Suche nach Vorhofflimmern bei Patienten mit einem Schlaganfall erarbeitet [1]. Hauptautoren des ebenfalls in Circulation veröffentlichten Konsensuspapiers sind die beiden AFNET Wissenschaftler Prof. Renate Schnabel, Hamburg und Prof. Karl Georg Häusler, Würzburg, sowie Prof. Ben Freedman, Sydney, Australien, und Prof. Jeff Healey, Ontario, Kanada.

Die Kardiologin Prof. Schnabel erläutert: „Mit einer gezielten Suche nach Vorhofflimmern mittels EKG könnten wir Patienten, die bereits einen Schlaganfall erlitten haben ein bis dahin unbekanntes Vorhofflimmern neu diagnostizieren.“ Der Neurologe Prof. Häusler fügt hinzu: „Auch wenn ein erstmals nachgewiesenes Vorhofflimmern nicht immer als ursächlich für den erlittenen Schlaganfall angesehen werden kann und bei bestimmten Patienten vielleicht sogar durch den Schlaganfall verursacht worden ist, ist der Nachweis von Vorhofflimmern für die medikamentöse Behandlung relevant, die weitere Schlaganfälle bestmöglich verhindern soll.“

Gemäß den Empfehlungen des AF-Screen Konsortiums sollte bei allen Patienten ohne bisher bekanntes Vorhofflimmern nach einem akuten ischämischen Schlaganfall oder einer TIA für 72 Stunden ein EKG-Monitoring erfolgen. Anschließend soll anhand des bestehenden Risikoprofils und der vorliegenden EKG-Befunde über ein verlängertes EKG-Monitoring entschieden werden. Dessen Erfolgsaussichten können durch eine Standardisierung der Messung und der Auswertung verbessert werden.

Die Autoren zeigen in ihrer aktuellen Publikation Wissenslücken und weiteren Forschungsbedarf auf. So ist beispielsweise nicht geklärt, welche Therapie Patienten benötigen, bei denen bisher kein Vorhofflimmern festgestellt wurde, aber mittels kardialer Bildgebung eine strukturelle Veränderung im linken Vorhof, die sogenannte atriale Myopathie, nachgewiesen wurde, die Folge und Ursache des Vorhofflimmerns sein kann. Zudem ist nicht abschließend geklärt, ob die Dauer einer Vorhofflimmerepisode mit dem Risiko für einen erneuten Schlaganfall korreliert.

Originalpublikation: Schnabel R, Haeusler KG, Healey J, Freedman B et al for the AF-SCREEN International Collaboration authors group. Searching for Atrial Fibrillation Post-Stroke: A White Paper of the AF-SCREEN International Collaboration. Circulation. 2019; 140.
doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.119.040267

Quelle: Aktuelles AFNET, 26.11.2019